NZZ Folio - Ausgabe März 2017 - Sparen

NZZ Folio – Ausgabe März 2017: Sparen

Schmauchspuren, Schlagspuren, Frässpuren: Mitgenommen sehen sie aus, die zwei Tresore vor dem Hauptsitz von Waldis Tresore in der Gewerbezone Rümlang im Kanton Zürich. Sie sind gezeichnet von Begegnungen mit Rainer Schmid, dem Mann fürs Grobe beim grössten Schweizer Tresorhersteller. «Mach noch einen, komm!» ruft Urs Menzi, der Geschäftsführer von Waldis. Soeben hat Rainer Schmid, sein Stellvertreter, mit einem Vorschlaghammer auf einen Tresor eingedroschen. Der dumpfe Knall verhallt in der Gewerbezone, kein Passant ist unterwegs, der sich wundern könnte, was das Spektakel zu bedeuten hat. Schmid keucht. Und holt noch einmal aus.

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NZZ Folio: Sparen / März 2017

Unterwegs mit den Panzerknackern

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Tausendernoten verdoppelt. Und die Tresorbranche floriert. Aber sind die Safes wirklich sicher?

Von Samuel Misteli
NZZ Folio, März 2017, Sparen


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«Um 11 Uhr greifen wir an», hatte Urs Menzi bei der Begrüssung gesagt. Seine Besucher, drei Sicherheitsexperten eines Schweizer Finanzunternehmens, waren nach Rümlang gekommen, um eine Zusammenarbeit zu prüfen. Sie seien in Kampfmontur erschienen, sagte einer von ihnen, während er in ein Croissant biss. In ihren Fleece-Jacken waren sie gewillt, gegen die Tresore vorzugehen. Mit Hammer, Elektromeissel, Trennscheibe, Gasbrenner.

Doch angreifen würde aus Sicherheitsgründen nur einer: Rainer Schmid, 52, gelernter Mechaniker, drei Jahrzehnte Erfahrung im Tresorgeschäft. Schmid schüttelte Hände und verschwand danach. Die potentiellen Kunden liessen sich Werbefilme, Riegelwerke und elektronische Schlösser zeigen. Das Paxos Advance etwa, 100 Millionen Codiermöglichkeiten, sicherstes Elektronikschloss der Welt.

Um punkt 11 schreitet Schmid zur Attacke, im Overall und mit Schutzbrille. Er reibt sich die Hände, greift zum Hammer, lockert die Schultern. Ein Boxer vor dem Kampf, einem einseitigen. Die Gegner: zwei Tresore, einer von Waldis, einer von der Konkurrenz.

«Schweizer horten Bargeld in Tresoren.» So berichten Medien seit Monaten. Die Zinsen sinken weiter, mittlerweile in den Negativbereich. Gleichzeitig steigt die Zahl der Tausendernoten, die im Umlauf sind – oder eben eingebunkert. Die Schweizerische Nationalbank führt Buch: Seit der Finanzkrise 2008 hat sich die Zahl der Tausender verdoppelt. Ob die 46 Millionen Scheine vor allem in Tresoren liegen, ist unklar. Die steigenden Verkaufszahlen der Tresorhändler legen aber nahe, dass die Sparer die Noten nicht in Matratzen einnähen.

700 Tresore haben Urs Menzi und Rainer Schmid im letzten Jahr verkauft, die Hälfte an Privatkunden: eine Zunahme von 17 Prozent. Bei Targo Tresore im aargauischen Rudolfstetten bewegt man sich in ähnlichen Dimensionen: einen Fünftel mehr Tresore hat die Firma im letzten Jahr hergestellt. Der Verband der deutschen Sachversicherer, die wichtigste europäische Zertifizierungsstelle für Tresore, liefert keine Zahlen, dafür einen schiefen Vergleich: Tresore gingen gerade weg wie warme Brötchen.

«Da kommt der Elektromeissel zum Zug!» ruft Urs Menzi wie ein Jahrmarktverkäufer. Rainer Schmid hat bereits angesetzt, er stemmt sich gegen den Tresor der Konkurrenz, als wollte er ihn umstossen. Der Bohrer rattert und ruckelt, wenige Sekunden nur, dann hat Schmid sich durch die Tresorwand gewühlt. Lässig wischt er das Füllmaterial weg, das der Bohrer zutage gefördert hat.

Die Sicherheitsexperten bilden einen Halbkreis um Schmid. Den ganzen Morgen waren sie mit verschränkten Armen und misstrauischem Polizistenblick dagesessen. Ob berufshalber oder weil sie nicht auf die Tresore einhämmern durften, war unklar. Nun lockern sich ihre Mundwinkel.

Und die Schmid-Show geht weiter. «Die Trennscheibe», kündigt Urs Menzi an, «das effizienteste und meistgebrauchte Werkzeug.» Schmid traktiert jetzt den firmeneigenen Tresor: Funken fliegen, die Trennscheibe heult auf, dann ein lautes «Klack!» Schmid lässt die zahnlose Scheibe auslaufen, präsentiert sie wie eine Trophäe. In der Luft der Geruch von verbranntem Metall.

Bereits im 19. mn ddJahrhundert veranstalteten Tresorhersteller öffentliche Vorführungen, um die minderwertigen Produkte der Konkurrenz zu entlarven: Tresore wurden in die Luft gesprengt, verbrannt, mit Brecheisen und Bohrern bearbeitet. Um die Überlegenheit der eigenen Tresore zu demonstrieren, setzten die Hersteller Prämien aus: Wem es gelang, innert einer bestimmten Zeit den Tresor zu knacken, durfte die Goldstücke darin behalten.

Im Showroom von Waldis gibt es eine Galerie der Schande. Eine Reihe aufgebrochener Tresore, Produkte der Konkurrenz, versteht sich. Daneben mehrere Waldis-Tresore, an denen sich ebenfalls Einbrecher abmühten – vergebens. Rainer Schmids sonst sanfter Tonfall erhält eine verächtliche Note, wenn er die Galerie der Geknackten abschreitet. Da steht ein popeliger Blechkasten, den öffnet selbst ein Dilettant innert Sekunden mit dem Schraubenzieher. Daneben haben wir einen Blender, sein Panzer ist mit billigen Tonkügelchen gefüllt. Der dritte ist schlicht: ein Verbrechen. Da hat ein Händler mit einem miserablen Produkt das Portemonnaie des Kunden geknackt.

«In keiner Branche wird so viel gelogen», sagt Urs Menzi, der 55jährige Geschäftsführer. «Jeder Tresor kann aufgebrochen werden. Wer das Gegenteil behauptet, erzählt Räubergeschichten.» Tatsächlich knacken Einbrecher neun von zehn Tresoren. Es trifft in erster Linie Billigsafes, die im Baumarkt ab 100 Franken zu haben sind. Aber auch Qualitätsware hält nicht allen Angriffen stand: einmal pro Jahr erwischt es auch Waldis. Letztmals 2016, als Einbrecher in einem abgelegenen Gewerbegebäude den Firmensafe mit einer Trennscheibe bearbeiteten. Fünf Stunden brauchten sie, um sich durch die Tresorwand zu fräsen.

Einbrecher ziehen Gewerbegebäude vor. Dort lässt es sich nachts ungestört arbeiten, während in Privathäusern die Bewohner oder Nachbarn lästig werden können. Raubüberfälle, bei denen Tresorbesitzer mit der Waffe an der Schläfe gezwungen werden, ihre Uhren- oder Schmucksammlung herauszurücken, sind selten.

42 400 Einbrüche registrierte die Polizei schweizweit im Jahr 2015, Tendenz stark sinkend. Die Einbrecher sind weniger geworden, die verbliebenen professioneller. Früher traktierten sie Tresore mit Brecheisen, Geissfuss und Hammer. Heute mit Trennscheibe, Elektromeissel und Schweissbrenner. Noch immer also mit Brachialgewalt. Die elegante Stethoskopmethode hingegen: eine Erfindung der Filmindustrie.

«Achtung, nicht in die Flamme schauen!» Schmid hat mittlerweile zu seinem Lieblingsinstrument gegriffen, dem Schweissbrenner. Der schneidet durch manche Tresorwände, als wären sie aus Papier. Nur hat er den Nachteil, dass der Einbrecher Gasflaschen mitschleppen muss – ein Problem in einem Métier, in dem Leichtfüssigkeit entscheidend ist. Noch kritischer: Der Gasbrenner setzt mit der Hülle oft auch den Inhalt in Brand. Mit angesengtem Bargeld lässt sich schlecht bezahlen, geschmolzene Luxusuhren sind keine begehrte Hehlerware.

Auch Schmid zündet versehentlich die Holzpalette unter einem der Tresore an. «Wart, Rainer, ich helfe!» Menzi rennt zu einem Eimer und schüttet Wasser über den Safe. Es zischt, die glühende Wunde in der Tresorhülle färbt sich schwarz. Die Sicherheitsexperten lachen. Und sie applaudieren. Gute Voraussetzungen für die Verkaufsverhandlungen am Mittagstisch.

Das Geheimnis des Tresors klingt kulinarisch: es ist die Füllung. Die Aussenhülle ist vernachlässigbar, sie besteht aus Stahlblech. Ohne Füllung wären Tresore simple Blechkisten. Die Füllung macht sie zur Festung. Hart muss sie sein und zäh, um Schlag-, Schleif- und Schweissgeräten zu trotzen. Weil es die Füllung ist, mit der sich Tresorfabrikanten von der Konkurrenz abzuheben versuchen, hat sie einen Markennamen. Bei Waldis: Novicton. Patentiert ist sie nicht. Weil dann das Rezept offengelegt werden müsste. Nur einige Ingredienzen geben Menzi und Schmid preis: Stahlfasern, Bauxit, Mikrozement.

Als es vor zehn Jahren an der Zeit war, eine neue Füllung zu entwickeln, erklärten Menzi und Schmid das zur Chefsache. Während eineinhalb Jahren tüftelten sie zusammen mit einem Forschungsinstitut, dessen Namen sie ebenso wenig verraten wie den der Tessiner Firma, die das Material nun für sie herstellt. Sie liessen Prototypen anfertigen, droschen in der Produktionshalle auf verschiedene Füllungen ein, bis sie Blasen an den Händen hatten und ihre Mitarbeiter Kopfschmerzen.

Die Füllung ist sicherheitsrelevant. Das Rezept dafür liegt im Tresor. Ebenso der Bauplan jedes Waldis-Tresors. Nur drei Personen können darauf zugreifen: Menzi, Schmid und der Chefkonstrukteur. Die Server stehen hinter Panzertüren. Alle zwei Jahre müssen die Mitarbeiter einen Strafregisterauszug einreichen. Denn nirgendwo finden sich gewieftere Tresorknacker als bei den Herstellern selber.

Rainer Schmid zum Beispiel, der sich mit Tresoren auskennt wie vielleicht kein anderer in der Schweiz, zerbricht sich in der Freizeit den Kopf darüber, wie er ein neues Schloss angreifen würde. Oder Andreas Hildebrand, der Servicetechniker von Waldis, der sein Handwerk von Schmid gelernt hat und täglich Kunden besucht. Kunden, die ihren Code vergessen haben oder den Schlüssel verlegt oder nicht an den Zweitschlüssel herankommen, weil der im verschlossenen Tresor liegt. Es geschieht auch, dass Ehemänner, bevor sie Frau und Haus verlassen, den Code des Tresors ändern, damit die Zurückgebliebene nicht mehr auf den Inhalt zugreifen kann.

Einige Tage nach Schmids Tresorattacke hat Techniker Hildebrand einen Termin an der Zürcher Goldküste. Orientteppiche liegen auf dunklem Parkett, an der Wand hängen Landschaftsgemälde. Nebelschwaden ziehen über den See. Das ältere Ehepaar, das sich nicht an den Code zu seinem Safe erinnern kann, sitzt einsilbig beim Frühstück. Ein Jahr lang haben die beiden versucht, den Code zu knacken, bis sie schliesslich den Techniker riefen. Hildebrands Einsatz wird einige Tausend Franken kosten.

Der Tresor, Modell WA-E-700, Widerstandsgrad 2, steht in der Waschküche. Hildebrand und der Besitzer betrachten den Safe, die Hände in die Hüften gestützt, die Stirn in Falten. «Haben Sie keinen persönlichen Bezug zum Code?» – «Doch, aber meine Frau hat irgendwas Kniffliges gemacht. Wir haben alles probiert.» – «Gut, dann knacken wir ihn.» Hildebrand stellt seinen Werkzeugkasten auf den Boden und entfaltet den Tresorbauplan, den er nach getaner Arbeit schreddern wird.

Ginge es nach Urs Menzi und Rainer Schmid, würden Tresorbesitzer ihren Safe nicht im Keller verstecken, sondern gut sichtbar in der Wohnung placieren. Einbrecher sollten auf den ersten Blick erkennen, dass sich alles Wertvolle darin befindet – unerreichbar. Aber Tresore, glauben Menzi und Schmid, sind keine Statussymbole.

Matthias Fitzthum ist anderer Meinung. Der 46jährige ist CEO bei Stockinger, dem weltweit führenden Tresorveredler. Die Münchner Firma gestaltet Tresore für die UHNWI dieser Welt, die Ultra-high-net-worth-Individuals. Sie beliefert Industrielle, Politiker, Oligarchen und Schauspieler in Europa, Russland, Nigeria, den USA. Stockinger-Safes sind ab 40 000 Euro zu haben, das Zehnfache eines Waldis-Tresors. Dafür verpassen die Mitarbeiter den Tresoren auf Wunsch auch 18 Lackschichten. In der Farbe des Lieblingsnagellacks der Milliardenerbin. Der neuste Trend sind Mikrodiamanten in der Politur.

Auch Stockinger erzielte 2016 einen Umsatzrekord. Die Kunden lagern laut CEO Fitzthum vermehrt Edelsteine. Im Gegensatz zu Bargeld bleibt deren Wert stabil. Stockinger gestaltet auch ganze Garagen zu Hochsicherheitsräumen um. Da steht dann der Bugatti, an der Wand hängt der Picasso, und der Hausherr schenkt Cocktails an der Bar aus. Die Wände sind mit Korundstein verkleidet. Beton, sagt Fitzthum, ist «so was von yesterday».

Urs Menzi und Rainer Schmid fühlen sich in der Rümlanger Dorfbeiz wohler als an der Jachtshow in Monaco. Obwohl auch ihre Klientel eher vermögend ist. Die Waldis-Servicetechniker sind häufiger an der Goldküste anzutreffen als in Schlieren und Schwaderloch. Dort, an der Goldküste, erklingt im Wohnzimmer leise klassische Musik, in der Waschküche surrt der Bohrer von Andreas Hildebrand. Seit drei Stunden bohren er und sein Gehilfe Patrick Rothen millimetergenau placierte Löcher in den Tresor. Sie sollen verhindern, dass die Verriegelungen zuschnappen. Die ersten vier Löcher sind geschafft, doch Nummer fünf bereitet Probleme. Am Boden liegen mehrere zerbrochene Bohrer. Hildebrand seufzt: «Was ist das für ein komisches Loch?»

Vier Bohrer und zwei Stunden später verliert Hildebrand die Geduld. Er holt den Schlagbohrer. Das ist riskant: Dringt er zu weit vor, zerspringt eine Glasplatte im Tresor und blockiert alle Riegel. Doch das Glas hält. Nach zwei weiteren Löchern löst sich das Schloss: Hildebrand öffnet die Tür, zum Vorschein kommen rote und schwarze Schatullen. Ihr Inhalt ist angeblich 100 000 Franken wert. Die Techniker ignorieren den Schmuck. Sie klatschen ab und rufen den Hausherrn. Der kommt gelöst die Treppe herunter. «Da wird meine Frau sich freuen. Zumindest bis die Rechnung kommt.»

Samuel Misteli ist Volontär beim NZZ-Folio.