Ein Tag in der Welt der Negativzinsen

Ostschweiz am Sonntag, 1. Februar 2015, Roger Braun

Der Wecker klingelt um sieben. Die morgendliche Routine setzt ein: Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und werfe als erstes einen Blick in die Kommode, wo ich meine 100 000 Franken aufbewahre, seit die Bank Strafgebühren für Sparguthaben verlangt. Alles noch da, ich bin beruhigt. Ich wühle mich durch die Geldscheine und fische mir ein frisches Paar Unterhosen.

Beim Frühstück unterhalten wir uns über den Hauskauf, der ansteht. «Ich habe gestern mit meinen Eltern gesprochen», erzählt meine Frau. «Sie sind bereit, uns ein zinsloses Darlehen zu geben.» – «Was sind das nur für Kredithaie», antworte ich. «Ich nehme doch kein Geld auf, ohne dass ich eine Gegenleistung kriege! Sonst könnte ich ja gerade so gut einen Erbvorbezug bei meinen Eltern machen. Wir sind doch nicht blöd!» – «Dann also eine Hypothek?» – «Ja. Die Banken sind ja ganz verrückt danach, Geld loszuwerden, seit sie bei der Nationalbank Gebühren bezahlen müssen, um ihr Geld zu parkieren. Wenn wir bei der UBS 500 000 Franken aufnehmen, kriegen wir die Garage gratis mit dazu.» – «Und Raiffeisen?» – «Die würden uns die nächsten zehn Jahre den Gärtner bezahlen, allerdings kommen wir dort nicht unter einem Kredit von 650 000 Franken weg.» – «Das ist mir zu viel», sagt meine Frau. «Dieses Geld wird uns ruinieren.» Ich stimme ihr zu: «Wenn wir von der UBS nur 500 000 Franken beziehen, kann ich endlich das Geld auf diesem unsäglichen Säule-3a-Konto loswerden. Hier bezahlen wir seit Monaten Wucherzinsen auf unserem Guthaben.»

Ich begebe mich ins Büro. Seit einem Jahr führe ich eine eigene Firma für Geldtresore. Eigentlich wollte ich nie selbständig sein. Viel zu anstrengend und zu unsicher war mir das Ganze. Doch was sollte ich tun? Der Kontostand meiner Zweiten Säule hatte einen Level erreicht, den ich mir schlicht und einfach nicht mehr leisten konnte. Die Negativzinsen nahmen verheerende Ausmasse an. Ich musste dieses Geld loswerden. Ich liess es mir also auszahlen und gründete eine Firma. Die Pensionskasse war dermassen glücklich, den Zaster endlich loszuhaben, dass sie die Büromiete im ersten Jahr übernahm. Seither bin ich in der New Economy tätig. Der Markt für Tresore ist seit der Einführung der Negativzinsen zur Goldgrube geworden. Kein Wunder, schliesslich kann es sich heute ja kaum mehr jemand leisten, das Geld auf die Bank zu bringen. Inzwischen verkaufe ich die Geldschränke nur noch auf Kredit. Wer den Tresor gleich bezahlen möchte, geht leer aus.

Das Telefon klingelt. Mein Freund, der in der Bank arbeitet. Er beklagt sich bitter über die Zahlungsmoral der Schuldner. «Kaum ist das Geld aus dem Haus, ist es bereits wieder zurück. Wir brauchen dringendst mehr faule Kredite, sonst müssen wir den Laden dicht- machen», sagt er. – «Wieso vergebt ihr nicht mehr Konsumkredite, um das Geld wieder loszuwerden?», frage ich. «Versuchen wir ja, aber niemand will den Stutz. Für jeden Kredit über 20 000 Franken geben wir als Goodie ein TV-Gerät mit. Trotzdem interessiert sich keine Sau für dieses Geld.» – «Ist auch ne blöde Idee, mit diesem TV-Gerät», sage ich. «Ihr würdet die Leute besser mit einem Tresor oder einem Gratis-Wachhund ködern.» Mein Kollege murmelt: «Wenn uns das nicht hilft, werden wir definitiv auf unseren Geldsäcken hockenbleiben.»

Der Bürotag zieht sich hin. Ich stauche meinen Assistenten zusammen, weil er die neue Produktionsanlage bereits bezahlt hat. «Das wird uns eine Skonto-Strafgebühr einbringen», schimpfe ich. – «Du hast doch gesagt, wir sollen die Rechnungen möglichst schnell bezahlen, damit wir das Geld aus dem Haus haben.» – «Ja, aber nicht wenn uns Strafzahlungen blühen! Und nicht, dass Du noch auf die Idee kommst, die Steuern gleich zu bezahlen! Wer die Steuern zu spät bezahlt, profitiert seit neustem von einem Verzugszins.»

Nachtessen zu Hause. Parallel dazu erledigen wir Rechnungen. «Die werden zunehmend unverschämt», ärgert sich meine Frau. «Die neue Waschmaschine, schau Dir mal den Einzahlungsschein an: Zahlbar frühestens in zwei Monaten – das ist reine Abzocke!» Ich nicke, atme aber gleichzeitig auf: «Immerhin ist man nicht gezwungen, in Raten zu bezahlen.»

Es klingelt an der Türe. Zwei Hünen stehen draussen. «Inkasso-Service», bellt der eine. «Noch so gerne», sagt meine Frau. «Können wir die Krankenkasse bereits für das ganze Jahr bezahlen?» Die beiden schütteln den Kopf. Sie seien im Auftrag des Möbelhauses hier. «Wir haben Reklamation erhalten, dass Sie die Rechnung bereits bezahlt haben, obwohl vertraglich abgemacht war, dass Sie eine Karenzfrist von zwei Monaten abwarten müssen.» Erst jetzt fällt mir auf, dass einer der beiden einen grossen Reisekoffer mit sich trägt. «Hier ist das Geld zurück – und nicht, dass Sie auf die Idee kommen, das Geld gleich wieder einzuzahlen.» Die beiden ziehen ab. Ich mache mir Sorgen, ob ich morgen meine Unterhosen noch finde.

Wir sehen noch etwas fern, bevor wir zu Bett gehen. Die Tagesschau verkündet, dass die Steuern per sofort abgeschafft seien. Der Staat finanziert sich in Zukunft nicht mehr durch Steuern, sondern durch die Aufnahme von Milliardenkrediten, die üppige Zinszahlungen abwerfen. «Was für eine schöne Welt, diese Welt der Negativzinsen», seufze ich.

Ostschweiz am Sonntag, Roger Braun